Erika Wimmer Mazohl

Orte sind

Gedichte

Erscheinungsdatum: September 2019
Hardcover mit Schutzumschlag, ca. 144 Seiten
Preis: ca. € 18,90
ISBN 978-3-902866-81-3

Reisende suchen die Fremde. Sie ziehen in die unvertraute Ferne, betreten offene Räume und erfahren das Vergessen des Vertrauten. Sie erkunden die Lebenswelten anderer und finden die Fremde im Eigenen. Erika Wimmer Mazohls erste Lyriksammlung vereint sprachverspielte und zeitkritische Texte, artifizielle Klanggedichte, Poeme und kleine Gedichtzyklen, die mit dem Fokus auf „Orte“ eine Klammer gefunden haben, die die Texte zusammenhält: Ichkundig prangert sie Gewalt gegen Frauen und Kinder an. Ortserfahren führt sie uns durch Italien, Indien oder nach Brasilien, wohin 33 Wildschönauer Familien 1933 auswanderten und die Kolonie Dreizehnlinden gründeten. Oder zu Georg Trakl, der am Mühlauer Friedhof und im kollektiven Gedächtnis seinen Platz gefunden hat. Ihre Szenarien sind keine beschönigenden Reisebilder, es sind Erinnerungsorte, Echoräume, in denen Nachrichten über Krieg, Umweltzerstörung und deren Opfer zur Sprache kommen. Sie sind zarte Pflänzchen, die in Herbarien Zuflucht suchen und zeigen: Andernorts fängt bei uns an.

 

wald

die zweite schicht meines stadtplans
birgt kalte temperaturen der seele
der alte schnee knirscht gedämpft
im wechsel von standbein und spielbein

es gehn sich die wege des dichters
zu füßen des berges von selbst
die stirn eilt voraus lässt zurück
lässt haften die augen am bruch

von fels dominiert ist das festspiel
und dort überwintert ein standbild
und kleinbefenstert die häuser
die sich in den abgrund schmiegen

ein mönch und der narr sind im berg
vier türme wehren wo feinde
im drunten stehen die kreuze
von hinten wie schwarze männer

die legenden des waldes murmeln
der verfallene pfad hinabsinkt
in den gruften warten noch tote
und fassaden spiegeln in fenstern

im zweiten gesicht meines plans
ist der raum des himmels kreisrund
und blau blickt ein auge ins haus
und ein lichtmond steht in der wand

 

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